Toney

Liebe Leser,

Liebe Unterstützer und Interessierte,

 

Mein Name ist Antonette, den meisten bekannt unter ‚Toney‘ und bin mittlerweile 30 Jahre alt. Während ich diesen Text jetzt mehrmals angefangen und wieder geändert habe, bin ich zu dem Entschluss gekommen, diesen anders zu beginnen…

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Mein kleiner Sohn,

Du bist jetzt ein Jahr alt und mit unglaublichen Stolz sehe ich, wie du Schritt für Schritt größer, stärker und schlauer wirst. Du lernst die Dinge, indem du sie angehst. Du verbesserst die Dinge, indem du aus deinen Fehlern lernst. Du machst die Dinge trotzdem, obwohl du erstmal Angst hast.

 

Das alles macht dich zu dem, der du bist.

 

In einer Zeit als es dich noch nicht gab, tat ich genau dasselbe, was du jetzt tust.

Ich wollte schlauer sein,

Ich wollte den Dingen auf den Grund gehen,

Ich wollte eine Lage verbessern, über meinen Schatten hinausgehen…

Meine Grenzen testen und Dinge tun, die einen erstmal einschüchtern.

 

Mit meinen damals 28 Jahren, gehörte ich zu den Spät-Studierenden und war dennoch unendlich stolz Studierende des Studiengangs ‚Soziale Arbeit‘ mit einem solch spezifischen Studiengangs zu sein.

Die Konstellation meiner Kohorte, meinen Kommilitonen, war so unglaublich bunt gemischt, und trotzdem spürte man von Anfang an, ein großes Zusammengehörigkeitsgefühl.

 

Während einer Vorlesung schaute ich mich um und sah in die konzentrierten Gesichter meiner Kommilitonen, wie wir arbeiteten, wir schrieben etwas auf. Als ich so vor mich hinschrieb, fragte ich mich selbst:

Während wir hier stundenlang über die Flüchtlingsroute diskutieren, war denn irgendeiner von uns schon mal vor Ort? – Ich war es nicht.

Es klang für mich fast makaber, etwas zu lernen, über das ich mir kein Bild machen kann. Wie können wir wirklich etwas verstehen, wenn wir es selbst nicht gesehen haben?

Zuhause recherchierte ich stundenlang über Geflüchtete auf der Route, die möglichen Stops, NGO’s und sonstige Projekte und erkannte recht schnell das Problem:

 

  1. In offiziellen Organisationen zu arbeiten, erforderte lange Vorbereitung und haufenweise Papierkram.
  2. In Griechenland sammeln sich zu viele Geflüchtete, in überfüllten Camps, in einem überfordertem Land.
  3. Freiwillige, die dort helfen wollen, melden sich vermehrt in den Sommermonaten. Gerade zur Winterzeit mangelt es an Helfern.

 

Ich setzte in verschiedenen Facebook Foren einen kleinen Post, auf deutsch und englisch. Ich wollte von erfahrenen Helfern vor Ort wissen, wie schlimm die Lage vor Ort ist. Wo wird Hilfe benötigt?

Recht schnell lernte ich Tim Eisenlohr kennen, der seid den Anfängen der Flüchtlingswelle über Facebook interessierte Helfer koordinierte. Er erzählte mir über die Missstände, und für mich stand fest: Ich wollte helfen.

 

Alles weitere verging wie im Flug.

In der nächsten Vorlesung sprach ich über meine Erkenntnisse und mein Vorhaben. Ich stellte eine einfache Frage, ohne zu wissen, wie sehr sie uns, und vor allem mich, verändern sollte.

 

‚Wer kommt mit?‘

 

Zu dem Zeitpunkt kannten wir uns nur einige Wochen, doch das hielt uns nicht davon ab innerhalb von 3 Wochen ein Team zusammenzustellen – unser Team! Wir suchten und fanden über verschiedene Wege Spenden und Sponsoren und schafften es in dieser unfassbar kurzen Zeit Abflugbereit zu sein.

 

Zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht, wie sehr mich das, was ich dort sah, verändern würde.

 

Zwischen trostlosen Camps, improvisierten Behausungen in leerstehenden/alten Wohnhäusern, Hunger, Obdachlosigkeit und Verlust, gab es immer noch Hoffnung.

 

Den beißenden Geruch von Urin aus einem öffentlichen Altersheim vergesse ich nie. Ebenso nicht die unermüdliche Krankenschwester, die jeden Tag aufs Neue versucht, 300 Menschen zu versorgen.

 

Oder den Obdachlosen, der bei Minus 10 auf einem Pappkarton umgeben von einem Busch und Sträuchern versuchte zu schlafen.

 

Und Dimitra, eine griechische Frau die aufgrund der finanziellen Lage Griechenlands fast alles verlor, und mit dem letzten Bisschen, welches Sie besaß, alles dafür tat, den Geflüchteten vor Ort zu helfen.

 

Mein Sohn, wenn ich mir Eines für dich wünsche, dann ist es die Stärke, dieser unermüdlichen Krankenschwester.

Ein Lächeln, wie das des Obdachlosen, als er die Tüte mit unseren Lebensmitteln entdeckte.

Und einmal die Chance zu haben, jemanden kennen zu lernen, der so ein bisschen ist wie Dimitra. Die immer erst an andere denkt, so unglaublich selbstlos und aufrichtig.

 

Ich wünsche mir sehr, dass du alle Möglichkeiten nutzt, so viele Momente in deinem Leben zu sammeln, die dich so prägen, wie sie mich geprägt haben.

 

Denn wir sind, wer wir sind, weil wir das taten, was wir taten.

 

Zu guter Letzt wünsche ich dir Gefährten, wie ich sie hatte. Freunde, die auch bei Müdigkeit nicht aufgehört haben, mit dir zusammen zu arbeiten. Seite an Seite.

 

(Für meinen Sohn Aleo Jona. [Jona], der Mann der von einem Gott-gesandten Wal verschluckt wurde, um den See-Sturm zu überleben. An all jene gewidmet, die die Hoffnung nicht aufgegeben haben und den Mut aufbrachten, über das Meer zu flüchten.)

 

. . .

 

Ihr Lieben,

Auch wenn wir nicht mehr gemeinsam studieren, so ist jede bestandene Prüfung, auch eine bestandene von mir.

Ich bin unglaublich stolz, was ihr aus Grenzenlose Wärme gemacht habt. Und auch wenn wir uns nicht mehr so oft sehen, so bin ich dankbar, eine meiner schönsten Erinnerungen, mit euch erlebt zu haben.

 

#superunglaublichheftigststolz

 

Eure Toney.

 

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