Vergessen

So wie auf dem Titelbild versammeln sich jeden Abend gegen 18:00 Uhr vorwiegend geflüchtete junge Männer, die im Rot-Licht-Viertel von Thessaloniki eine kostenlose warme Mahlzeit und ein offenes Ohr bekommen. Das alles geschieht, gerade in der Zeit der Corona Pandemie, unter den wachsamen Augen und Kameras der Nachbar*innen, damit sich auch ja an den Mindestabstand und die Maskenpflicht gehalten wird. Das klingt zunächst einleuchtend. Betrachtet man es jedoch unter dem Aspekt, dass die Männer den ganzen Tag wie auch die Nacht in ihren Squats zusammen leben und diese Maßnahmen nicht umsetzen können. Aber auch das ist eine Aufgabe der Freiwilligen von Wave Thessaloniki. Jeweils zwei Personen kümmern sich darum, dass die zwei Reihen ordentlich bleiben, da es nicht alten vorkommt, dass bei Meldungen durch die Nachbar*innen auch die Polizei vor Ort auftaucht und kontrolliert. Kontrollen vor denen Menschen die sich ohne Papiere dort aufhalten berechtigte Angst haben. Nicht selten kommt es vor, dass an den Tagen nach den Kontrollen weniger Menschen zur Essensausgabe kommen, schlichtweg aus Angst vor den griechischen Autoritäten.

Vier Wochen war ich aus dem Grenzenlose Wärme Team vor Ort. Mit dabei auch wieder ein Transporter voller Spenden. Das Fahrzeug kam diesmal sehr spontan von einem Jugendzentrum aus dem Sauerland, welches das Fahrzeug für vier Wochen zur Verfügung stellen konnte. Auf dem Transporter befanden sich wie auch in der Vergangenheit schon viele Kisten mit Verbandsmaterial, Medikamenten, Bekleidung und Schlafsäcken, welche nach Thessaloniki geliefert wurden. Aber auch so war das Fahrzeug in den vier Wochen in sinnvoller Nutzung um nach dem sortieren neu eingetroffener Paletten die ausgewählten Sachen direkt in den Community Space zu bringen, von welchen aus sie verteilt werden.

Wie auch im Januar ist dieser Community Space immer noch eine Kollaboration zwischen Wave und Medical Volunteers International. Während sich Wave um die Versorgung mit Essen kümmert bietet MVI von 13-16 Uhr eine medizinische Sprechstunde an, in der die Geflüchteten eine Ärztin/einen Arzt sprechen und sehen können oder sich von weiteren medizinischen Fachkräften ihre Wunden versorgen lassen können.

Beide Organisationen bemühen sich in ihrer täglichen Arbeit darum, den Menschen die dort auf Thessalonikis Straßen gedrängt wurden und es auch immer noch werden, den Funken an menschlicher Würde zusprechen, der ihnen in dieser unmenschlichen Situation trotzdem zustehen sollte, welcher ihnen jedoch immer wieder auf ein Neues von den Autoritäten vor Ort geraubt wird.

Täglich kommen dort neue Leute an und nicht selten auch mit Verletzungen und Wunden, die ihnen auf der Flucht über Grenzen hinweg zugefügt wurden. Oft sind es Verletzungen die durch rassistische Gewalt begründet sind und nicht selten durch Polizist*innen zugefügt wurden oder aber auch nachts, wenn viele probieren ein wenig Ruhe zu finden in den Straßen Thessalonikis. Bei den Medical Volunteers sind es an ruhigen Tagen gute 60 Patient*innen die sie in dem Fenster von drei Stunden behandeln. Wenn mal mehr lost ist können es in dem gleichen Zeitfenster aber auch gut und gerne 90 Menschen sein, die ganzheitlich versorgt werden.

Bei Wave sind es in den Abendstunden dann jedoch deutlich mehr, die sich dort eine warme Mahlzeit abholen. An mindestens 110 Menschen werden so jeden Tag zwischen 170 und 200 Mahlzeiten ausgegeben. Vorbereitet werden diese in der Zeit von 15:30 bis 17:30 bis es um 18:00 Uhr dann zur Ausgabe nach draußen geht, da diese auf Grund von Mindestabständen die eingehalten werden müssen nicht mehr in den eigentlichen Räumlichkeiten durchgeführt werden können wie früher.

Spendengelder konnten vor Ort dafür genutzt werden, dass in dem Lagerraum Regale gebaut wurden um eine bessere Übersicht zu schaffen. Ebenso wurde aber auch in haltbare Lebensmittel investiert, die für die nährstoffreichen Mahlzeiten genutzt werden oder aber auch in einen Rollwagen um ankommendes Material leichter zu transportieren. Allerdings wurde in den vier Wochen in Griechenland nicht nur in Thessaloniki gearbeitet, sondern auch etwas nördlich in Serres in einem der Zelte der amerikanischen Organisation Lifting Hands International ein neuer Boden verlegt, der auch aus Spenden zu großen Teilen mitfinanziert wurde. Das Zelt dient dort für Sport- und Kreativeangebote und wird an fünf Tagen in der Woche genutzt.

Auch in vier Wochen vor Ort zeigt sich wie sehr die politischen Akture Europas in Griechenland versagen. Struktureller Rassismus und staatliches Versagen verletzen dort Tag für Tag Menschenrechte. Und nicht nur auf den Inseln ist die Lebenssituation gleichbleibend schlecht und verschlechtert sich weiter.. auch auf dem Festland nimmt sie diesen Kurs.

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